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Vorwort zu Wolfgang Loch, 2010

Wolfgang Loch (2010): Erinnerung, Entwurf und Mut zur Wahrheit im psychoanalytischen Prozess. Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Cord Barkhausen und Peter Wegner. Brandes&Apsel, Frankfurt a. M., 332 Seiten.

Vorwort der Herausgeber

Wolfgang Loch, unter deutschen Psychoanalytikern einst ebenso Mythos wie bisweilen heftig angefeindet, war bereits zu Lebzeiten Legende an seiner Universität. Der eigens für ihn in Tübingen eingerichtete Lehrstuhl, der erste psychoanalytische an deutschen Universitäten, galt damals in Fachkreisen als Sensation. Über die Fakultätsgrenzen hinaus gehörten seine Vorlesungen bis zu seiner Eremitierung zu den spektakulärsten Ereignissen der Tübinger Universität. Zu klug aber, möchte man sagen, für seine eigene Fachgesellschaft, die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV), war er doch zugleich ihr ingeniöser Lehrmeister, dank dessen die deutsche Psychoanalyse überhaupt erst wieder für die internationale psychoanalytische Szene salonfähig wurde. Schon die Rezeption seiner Habilitationsschrift aus den 1960er Jahren verführte nicht-deutsche Rezensenten zu dem hoffnungsvollen Urteil, es sei nun auch in Deutschland wieder möglich geworden, Psychoanalyse zu betreiben. Man könne sich, so denn auch der alte Loch einst rückblickend, »heute kaum noch vorstellen, auf welchem simplen Niveau die deutsche Psychoanalyse sich damals befand. Mit den Händen konnten wir greifen, was der Nationalsozialismus angerichtet hatte.«

Loch selbst, als wenn er Jacques Lacans zeitgleiche Parole »zurück zu Freud« beim Wort nehmen wollte, hatte sich seit 1956 laut Selbstauskunft »für viele, viele Jahre ausschließlich mit Freud« befaßt und zugleich Wege und Möglichkeiten geschaffen, zahlreiche prominente Kollegen aus dem Ausland nach Deutschland einzuladen oder große Autoren wie Balint, Heimann, Winnicott oder Bion hierzulande überhaupt erst bekannt zu machen. Er ist »unser Gesicht nach außen«, begrüßte 1990 der DPV-Vorsitzende Hermann Beland daher nicht von ungefähr den Jubilar, dem zu seinem 75. Geburtstag die damalige »Frühjahrstagung« der DPV gewidmet war.[1] Trotz Vizepräsidentschaft der International Psychoanalytical Association (IPA), dem Gipfel seiner Karriere in der institutionalisierten Psychoanalyse, an der er entschieden festhielt, und trotz Ehrenmitgliedschaft in der DPV, der nicht nur seine ungeteilte Wertschätzung galt, ist es nicht erst heute seltsam still um ihn geworden.

Womöglich aber kein Wunder. Denn es gibt wohl, um ein Enzensberger- Wort abzuwandeln, mittlerweile eine weitverbreitete Tendenz unter Psychoanalytikern, die Psychoanalyse zu denunzieren. Was vielleicht daran liegt, daß sie weniger psychoanalytisch denken als sie denken.[2] Und woran ließe sich das dann besser ablesen als an ihrem Verhältnis zu äußeren Mächten. Lochs Stimme etwa war eine der wenigen Stimmen, die sich zu Beginn der 1980er Jahre vernehmlich nicht gegen die Krankenkassenzulassung, sondern gegen das Eindringen der restriktiven Krankenkassenregelungen in die Psychoanalyse wandte, was ihn immerhin fast seine Mitgliedschaft in der DPV gekostet hätte, so sehr sprach die Stimmung gegen ihn. Daß man seine Stimme - wie manche andere auch - nicht gelten ließ, war sicherlich Symptom einer Entwicklung, die heute als forcierender Effekt des Psychotherapeutengesetzes in der vollständigen Kontrolle psychoanalytischer Ausbildung und heftiger Eingriffe in ihre Behandlungspraxis zu gipfeln droht. Wer sich, so also die Logik Loch'scher Interventionen, auf Staat und/oder Gesundheitssystem aber einmal einläßt, spielt bekanntlich nach fremden Regeln und verliert sich allmählich im Gestrüpp fangarmartiger Reglementierungen. Nicht zuletzt alle abgründigen Effi zienznachweise oder selbst schon das Gutachtersystem verstand Loch dagegen als Einmischung in die psychoanalytische Praxis. Die oftmals gerühmte Freiheit und Liberalität seines Denkens hatte also ihr Gegenstück zum einen in der Hartnäckigkeit, mit der er nur in ihrer Unabhängigkeit eine Chance für die Psychoanalyse sah, und zum anderen in dem unbestechlichen Anspruch an die Qualität psychoanalytischer, im Grunde lebenslanger Aus- und Fortbildung. Und dies, um der Psychoanalyse auch in Deutschland jenen exklusiven Stellenwert zu verleihen, der ihrem Wissen und Können entspricht. Schließlich dürfte erst das den Reiz und, wenn man so will, die unhintergeh- oder -fragbare »Effizienz« der Psychoanalyse ausmachen.

Wie kaum ein anderer hat Loch die Psychoanalyse gelebt, gleichermaßen als Kliniker wie als Forscher. Als Kliniker und zwar bis zum Ende seines Lebens beschreibt ihn nichts besser als seine eigene Empfehlung, man müsse »...praktisch werden wie die Kinder - aber dann schleunigst wieder ein bißchen schlauer«. Also beschrieb man den Praktiker zurecht. Der Forscher hingegen war seiner Zeit immer um einige Schritte voraus. Themen, die heute auf psychoanalytischen Tagungen und anderswo kursieren wie etwa »Leib und Seele«, »Schmerz«, »Bisexualität« oder »innere und äußere Realität« waren bereits Themen seines Spätwerks, das in diesem Band nun versammelt erscheint und sich hier, wie man vielleicht erst heute zu erkennen vermag, zu etwas formt, das man mit einigem Recht ein weiteres seiner »Lehrbücher der klinischen Psychoanalyse« nennen könnte. Denn trotz großer theoretischer Abstraktion[3] fi ndet der Kliniker in allen seinen Arbeiten reichhaltige Hinweise und inspirierende Denkfi guren, die die tägliche klinische Arbeit befruchten können. Dieser Aspekt erscheint annähernd einmalig und macht einmal mehr deutlich, daß die psychoanalytische Klinik anders als im Regelfall bei den psychoanalytischen Universitätsprofessoren im Zentrum seines Denkens stand. Weder die sonst vielfach übliche universitäre positivistisch-empiristische Forschung interessierte ihn noch irgendwelche Evaluationen oder die Erstellung von Diagnoseschlüsseln. Was solchermaßen den Charme wissenschaftlicher Bürokratie verbreitet, hieß denn auch im Klartext Lochs einfach nur »Erbsenzählerei«.

Die letzten Arbeiten Lochs können darüber hinaus als ein Versuch gelten, die Entwicklungen der Psychoanalyse in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts nachzuzeichnen. Aber nicht nur das. Exegetisch genau wie kaum ein anderer, meist, wie es sonst nur die Franzosen tun, bei Freud und hier zumal beim frühen Freud ansetzend oder auch immer wieder zu ihm zurückkehrend, ist es eines seiner Anliegen, zu zeigen, daß nahezu alle Weiterentwicklungen der Psychoanalyse schon in ihren Anfängen, namentlich bei Freud, so oder so vorgezeichnet sind. Solche Nachweise als Fragen nach der Genealogie öffnen den Weg für Neues und Unerwartetes. Daß sie zugleich den Blick wach für Fäden machten, die auch abseits der Psychoanalyse gesponnen werden, ist eine Besonderheit des Loch'schen Werks und zumal seines Spätwerks. Die Konstellation, die sich darin herausbildet, führt, abgesehen von manchen Hinweisen auf Freud-Entdeckungen, die von den Neurowissenschaften nur wie bestätigt würden, über eine Verbindung von Kant und Freud über die Sprachphilosophie eines Wittgenstein bis hin zu einer immer begeisterten Nietzsche-Lektüre. So hatte Loch, anders als etwa Lacan, der es ablehnte, eine Verbindung mit der Philosophie einzugehen, genau diese gesucht. Gerade der Spagat dabei zwischen analytischer Sprachphilosophie und Nietzsche mag kühn oder eigentümlich sein. Loch aber, seinem Selbstverständnis nach ein »Indepent« und stolz darauf, keine Schule gegründet zu haben, hatte sich stets der Bücher wie Werk- zeugkisten bedient. Als Kliniker indes und persönlich hat der Nietzsche-Leser mit seiner Vorliebe für die »exzentrische Position« und seinem buchstäblich nietzscheanischen Gelächter sicherlich Akzente gesetzt.

Dieser Band geht zurück auf die Idee Peter Wegners, dort fortzufahren, wo Loch aufgehört hatte. Dieser pfl egte selbst alle paar Jahre ausgewählte seiner zahlreichen Aufsätze in Sammelbänden[4] herauszugeben, was ihm bei seinen letzten Arbeiten nicht mehr möglich war. Der vorliegende Band umfaßt daher Artikel, die fast alle zwischen 1985 und 1995 entstanden sind. Zwei Ausnahmen gibt es allerdings, nämlich die beeindruckenden Reden zur Ausbildung von Psychoanalytikern, die noch einmal einen ganz anderen Loch zeigen als die sonstigen Artikel. Da alle diese Arbeiten verstreut publiziert und daher schwer zugänglich sind, war dies ein weiterer, gewichtiger Anlaß für diese Publikation.

Jene Geburtstagsrede rühmt schließlich noch einen Lehrer, »auf hohem klinischen und intellektuellen Niveau, verständlich dabei, gewinnend bei allem Ernst durch eine Leichtigkeit und Freundlichkeit des Geistes, häufi g witzig«[5] und also alles in allem beseelt von einem pädagogischen Eros, um Begeisterung und Leidenschaft für sein Fach und das heißt eben gerade auch für die hohe Komplexität der Psychoanalyse wecken und, zumindest in Tübingen noch deutlich spürbar, fördern zu können. Dennoch, bei allem Lob, die original publizierten Texte sind in der Regel von einer editorischen Qualität, die nicht für eine angemessene Redaktion spricht. Loch pflegte sie im Regelfall zuvor als Vorträge zu halten und besaß ein mehr oder weniger ausgeklügeltes Zettelsystem und die Eigenschaft, in fertige Sätze weitere Einfälle einzubauen, so daß der jetzigen Redaktion um der Leserlichkeit willen viel zu tun blieb. Da, wo es wie Vortragsdeutsch klang, haben wir uns die Freiheit genommen, einzugreifen, ebenso bei den unendlich vielen eingeklammerten Texteinschüben, die in die Fußnoten wanderten, und bei gewissen sprachlichen Altertümund Umständlichkeiten. Daß alle Quellenangaben dorthin verweisen, wo die Quelltexte zu finden sein sollen, können wir nicht garantieren. Loch war in dieser Hinsicht, jedenfalls im Alter, unverzeihlich großzügig, doch wir haben unser Bestes versucht.

Für die unschätzbare Mithilfe beim Digitalisieren der Texte danken wir herzlich Angelika Schönfeld, Erika Kittler für ihre klar zuredende Unterstützung und Christine Wegner für die unendliche Geduld und ihr geteiltes Engagement bei der freizeitfressenden Arbeit. Dann den Verlagen Suhrkamp, Hans Huber und Klostermann für die großzügige Genehmigung, die jeweils bei ihnen erschienene Arbeit exklusiv abdrucken zu dürfen, und schließlich und vor allem Mechthild Loch, der Ehefrau Wolfgang Lochs, deren Vertrauen und so selbstverständliches Einverständnis dieses Buch erst ermöglicht haben.

Dieser Band hätte im übrigen ohne großzügige Spenden von Kollegen und Kolleginnen der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Stuttgart/Tübingen und der DPV sowie der fi nanziellen Unterstützung der Blum-Zulliger Stiftung, Bern, Schweiz (Dr. Kaspar Weber, Präsident des Stiftungsrates), nicht realisiert werden können. Ihnen allen sowie dem Interesse und Entgegenkommen von Brandes & Apsel danken wir nachdrücklich.

Freiburg und Tübingen, November 2009 Cord Barkhausen und Peter Wegner

[1] Gutwinski-Jeggle, J. und Wegner, P. (Hrsg.) (1990): Erleben und Deutung. Ästhetik und Ratio. DPV-Herbsttagung 1990 in Tübingen. Congress-Organisation Geber+Reusch, Frankfurt/M. 2-6.

[2] »Kurz vor seinem Tode meinte er [Loch], er glaube manchmal, die Psychoanalyse sei zu schwer für den Menschen«, Danckwardt, J. F. (1996): Wolfgang Loch - Wege zum Psychischen. In: Wege zum Menschen, 48/5, 273-283.

[3] »Wolfgang Loch war sich der Problematik wohlbewußt, die sich zwischen der einfachen Sprache des tätigen Analytikers, des Analysanden und der hochkomplexen Sprache der Psychoanalyse als psychoanalytische Methode, Metaspychologie, Krankheitslehre und Kulturtheorie sowie der psychoanalytischen Grundbegriffe ausspannt.« Ebd., Danckwardt, 1996.

[4] Die Hrsg. bezeichnen sie als Gesammelte Schriften I-IV. Es handelt sich um folgende Titel: (1972) Zur Theorie, Technik und Therapie der Psychoanalyse (S. Fischer, Frankfurt/M), Gesammelte Schriften I; (1975) Über Begriffe und Methoden der Psychoanalyse (Hans Huber, Bern, Stuttgart und Wien), Gesammelte Schriften II; (1985) Perspektiven der Psychoanalyse (Hirzel Verlag, Stuttgart), Gesammelte Schriften III; (1995) Theorie und Praxis von Balint-Gruppen (edition diskord, Tübingen; jetzt Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt/M), Gesammelte Schriften IV.

[5] Gutwinski-Jeggle, J. und Wegner, P. (Hrsg.): Erleben und Deutung. Ästhetik und Ratio. Tübingen, 1990. Congress-Organisation Geber+Reusch, Frankfurt/M. 2-6.

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